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Ich glaube, daß man nicht als unbeschriebenes Blatt
auf diese Welt kommt. Auf meinem Blatt stand in Großbuchstaben:
Bogenschießen zu Pferd. Ich ging nicht einmal noch zur Schule, als mir
meine Mutter allabendlich das Buch "Der unsichtbare Mensch" wie
ein Märchen vorgelesen hatte. Die darin vorkommenden Bilder fesselten und
faszinierten mich so sehr, daß ich beschloß: Ich will Bogenschütze zu
Pferd werden und in die Fußstapfen meiner Ahnen, der Hunnen, treten.
Demzufolge fertigte ich als Kind natürlich aus jedem Material, das
elastisch war, Bögen an. Das geriet in der Pubertät und später bei der
Familiengründung zwar in Vergessenheit, doch nahm ich danach das
Anfertigen von Bögen wieder auf. Ich entdeckte, das es keine kindlichen
und erwachsenen Dinge gab, sondern einen Lebensweg, den man anfangs als
Kind, später als Erwachsener beschreitet. Ich begann, mich ernsthaft mit
dem Anfertigen von Bögen zu beschäftigen, und erreichte bei diversen
Wettbewerben mit den von mir hergestellten Bögen ganz gute Resultate. Auf
jeden Fall war es aber mein Ziel, daß die gefürchteten Bögen meiner
Ahnen irgendwie wieder Verwendung fanden. Vielleicht kennt jeder das
mittelalterliche Gebet, das im Westeuropa des X. Jahrhunderts verbreitet
war: "Vor den Pfeilen der Ungarn errette uns, o Herr!" Vor
diesen Pfeilen erzitterte ganz Europa. Mein Ziel war es nicht, den Ahnen
zu folgen, sondern ich wollte der Sache folgen, der sie gefolgt waren. Ich
wollte genau solche Bögen herstellen, die auch sie gebraucht hatten,
unter Verwendung modernster Technologien und Materialien. Diese
Technologien und Materialien haben den alten gegenüber nur den Vorteil,
daß sie heute in großen Mengen zur Verfügung stehen und, daß sie
zeitbeständiger sind. Genau den gleichen Weg haben auch die Koreaner, die
Japaner und die Angelsachsen beschritten, die die Traditionen der Bogenschützen
bewahrt haben. Mein Traum ging vor 15 Jahren in Erfüllung, als es mir
nach langen Versuchen gelang, ein gebrauchsfähiges und seriell
produzierbares Bogenmodell, wie es in der Zeit der Landnahme Verwendung
gefunden hatte, herzustellen.

- Was hat Sie an dieser Waffe so
fasziniert?
Ihre Form hat mich in ihren Bann gezogen, aber
als ich ein gebrauchsfähiges Modell hergestellt hatte, wandte ich mich
sofort dem Bogenschießen zu Pferde zu, weil es mich reizte zu erfahren,
wie man einen solchen Bogen auf dem Pferd reitend verwenden kann und wie
ihn unsere Vorfahren gebraucht haben könnten. Mit dieser Art von Bogen
hatte ich aber auf den Schießplätzen nichts verloren, denn in Ungarn
herrschte der auf angelsächsischen Grundlagen basierende Stil des
Bogenschießens vor. Es verblüffte mich, daß von den Traditionen nichts
erhalten geblieben war, und dachte mir, daß ich unter solchen Umständen
auf diesen Schießplätzen nichts verloren hatte. Dann begann ich mit dem
Reiten. Ich schrieb mich in eine klassische Reitschule, die Agraruniversität
Pannon, ein, wo man das Reiten "selbstverständlich" auf der
Basis von preußischen und angelsächsischen Grundlagen unterrichtete.
Nach der ersten Reitstunde dachte ich mir daher, daß ich hier nichts
verloren hatte, da die Gefühlsgrundlage dessen, was ich mache, und
dessen, was ein Preuße mit dem Pferd anstellt, ja vollkommen verschieden
ist. Das setzt einen völlig anderen Gedankengang, eine andere
Lebensanschauung voraus. Ich wollte zu den nationalen Besonderheiten zurückkehren,
die im Laufe der Zeit bedauerlicherweise in Vergessenheit geraten waren.
- Nahmen Sie das alleine in Angriff?
Als ich mich in dem Land, in dem ich lebe,
genauer umsah, bemerkte ich, daß von unserer geschichtlichen
Vergangenheit nichts übrig geblieben war. Ich fühlte mich ein wenig
allein gelassen. Mit der Bewahrung militärischer Traditionen, die
weltweit so viele Menschen mobilisieren kann, befaßte sich damals in
Ungarn niemand. Anfangs dachte ich, daß ich im Dunkeln tappe, stieß aber
dann langsam auf Menschen, die ähnlich dachten und die die Bewahrung der
militärischen Traditionen als eines ihrer Lebensziele ansahen. Es ist
eine sehr wichtige Sache, daß die Vergangenheit nicht endgültig in
Vergessenheit gerät, sondern zumindest in einer solchen Form weiterlebt.
Wenn Sie keine passende Reitschule gefunden
haben, wie haben Sie dann reiten gelernt?
Um den Preis wahnsinnig großer Mühen. Ich
ergriff jede Gelegenheit, um reiten zu können, und da ich kein eigenes
Pferd hatte, hatten mich meine Freunde immer am Hals. Ich mußte ungemein
viele Rückschläge und Schwierigkeiten in Kauf nehmen und sehr viele Unfälle
erleiden, bis ich das Können erreichte, das ich heute mein Eigen nenne.
Aber das, was ich zustande gebracht habe, entschädigt mich für alles:
Ich habe das Bogenschießen zu Pferde wieder auferstehen lassen. Heute
habe ich Schüler auf der ganzen Welt, habe viele Länder bereist und
unterrichte regelmäßig sowohl in Westeuropa als auch in den Vereinigten
Staaten: Ein ungarischer Sport war entstanden.
- Wann begannen Sie diesen Platz, wo Sie
jetzt leben, auszugestalten?
Eines schönen Tages ritt ich auf einem Pferd,
das völlig eigensinnig war und das man auch nicht lenken konnte. Es riß
mich mit sich fort und brachte mich in das Tal, wo ich heute wohne, wo ich
meine Bahn für berittene Bogenschützen habe und meine Pferde halte. Das
geschah vor 15 Jahren. Als das Pferd, nachdem es durch ein Meer von
Unkraut, das damals dieses Tal überzog, galoppiert war, stehen blieb,
weil es nicht mehr weitergehen konnte, da es von allen Seiten von steilen
Mauern umgeben war, dachte ich, daß ich dort angekommen war, wo ich sein
mußte, daß ich meinen Platz in der Welt gefunden hatte, daß ich zuhause
war. Von da an kam ich regelmäßig in das Tal zurück, machte dort meine
Übungen, als ob ein riesiger Magnet dort gewesen wäre, der mich mit
unerklärlicher Kraft zurückzog. Ich begann den Wald zu säubern, die
Unmengen an Unkraut wegzuschaffen, von dem die Umgebung bedeckt war, und
es gelang mir nach 1990 dieses Gebiet zu kaufen, was ein großer
Fortschritt war, denn es war eine Basis für das Bogenschießen zu Pferde
entstanden, auf die man die weiteren Schritte bauen konnte. Dieses Tal ist
nun weltweit das Zentrum für das Bogenschießen zu Pferde. Häufig halte
ich hier internationale Trainingslager ab.
- Als Sie um den Preis vieler, vieler Rückschläge
versuchten, so reiten zu lernen, wie unsere Vorfahren geritten sein könnten,
was hat sie auf diesem Weg geleitet?
Die Natürlichkeit. Ich denke, daß das Pferd
einem das Reiten beibringt und der Bogen das Schießen. Beim Bogenschießen
zu Pferde muß man einen vollkommenen Einklang mit dem Tier erreichen, da
man ja die Zügel nicht hält. Wenn ich ein Pferd kaufe, und ich kaufe auf
jeden Fall nur Fohlen und im Allgemeinen Hengste, beobachte ich über
Monate, wie es sich in die Gemeinschaft einfügt, wer seine Feinde sind,
wer seine Freunde. Diese armen Tiere haben einen langen Weg vor sich, bis
sie sich von neuem an ihr natürliches Umfeld gewöhnen. Die heute
verbreitete Stallhaltung ist ja ein ziemlich tödliches System für die
Pferde. Das Pferd ist für Steppen, für freie Räume, für das grüne
Gras geschaffen. Den Großteil meines Lebens verbringe ich auf Pferden.
Ich besitze zwölf speziell ausgebildete Pferde, die ich während langer
Jahre ausgesucht habe. Aber ich tausche auch jährlich 4-5 Pferde aus und
experimentiere immer wieder mit neuen Tieren.
- Sie müssen auf ungemein viel verzichten, tagtäglich
kämpfen. Warum machen Sie das?
Ich mache es, weil ich es gern mache. Mein
Leben hat keine andere Antriebsfeder. Daß daraus ein Sportzweig wurde und
danach Weltrekorde entstanden und daß dieser Sport in ein bis zwei
Jahrzehnten wahrscheinlich olympisch sein wird, all das ist nur die Folge
der Art und Weise, wie ich lebe. Die Folge der unzähligen Trainingsübungen,
die meinen Alltag ausmachen. Außerdem leite ich auch eine bogenerzeugende
Manufaktur, die mich zeitlich sehr in Anspruch nimmt: Was die Zeit
anbelangt, tanze ich einen Tanz auf des Messers Schneide.
- Sie haben auch eine ansehnliche Anzahl von Schülern
hier. Wie hat das begonnen?
Ich habe einen Bekannten, der hier in Kaposvár
Geschichtslehrer ist, und der mich einmal fragte, ob er seine Schüler
mitnehmen könnte, damit sie mich kennen lernten. Später kam dann eine
Gruppe nach der anderen, und heute kommen Schüler zum
Geschichtsunterricht schon aus allen Teilen des Landes. Ich halte es für
wichtig, daß die Kinder aktive Teilnehmer dieser Stunden sind. Zuerst führe
ich ihnen einiges vor, damit sie sehen, wie ihre Vorfahren diese Waffen
benutzt haben. Denn die unglaublich langen und harten Feldzüge, die
unsere Ahnen im IX.-X. Jahrhundert geführt hatten, machten es möglich,
das im Karpatenbecken eine Großmacht entstand. Die Gesellschaft der
Ungarn, die mit einem sehr unpassenden Wort Abenteurer genannt wurden, war
also keine nur locker strukturierte, barbarische Gesellschaft, sondern ein
unglaublich gut organisierter militärischer Staat.
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Diese innerasiatische
Machtstruktur war auch für unsere verwandten Völker charakteristisch: für
die Skythen, die Hunnen, die Awaren und später auch für die Mongolen.
Die außerordentlich schwierige Kampftechnik, die in der damaligen Zeit
von den Ungarn angewandt wurde, verlangte einen ganzen Mann. Kein einziges
Volk konnte sie übernehmen, obwohl es versucht wurde. Die Byzantiner zum
Beispiel wollten die ungarische Kampftechnik in ihre Schlachtordnung
aufnehmen, weil sie gesehen hatten, wie wirkungsvoll sie war. Aber es
gelang ihnen nicht. Auch in Westeuropa wurden dazu Versuche unternommen,
die ebenso fehlschlugen. Es gelang ihnen genau aus dem Grunde nicht, weil
diese Kampftechnik mit einer bestimmten Weltanschauung und mit bestimmten
Denk- und Lebensweisen verbunden ist. Die Ungarn lebten in einer außerordentlichen
engen Beziehung zu den Tieren und der Natur. Von Kindesbeinen an hatten
sie einen natürlichen Bezug zum Pferd, zum Bogen; und als sie erwachsen
waren, gebrauchten sie diese Waffen ganz selbstverständlich. Das zeige
und erzähle ich den Kindern, und sie können es auch ausprobieren. Jedes
Kind kann sich auf ein Pferd setzen und bekommt auch einen Bogen in die
Hand.
Gibt es eigene Bögen für Kinder?
Selbstverständlich. Und auch die Pferde sind
so trainiert, daß ich die Kinder ohne weiteres auf ihren Rücken setzen
kann. Natürlich sitzen sie in Sätteln, die denen aus der Zeit der
Landnahme nachgemacht wurden; auch die Säbel und die Pfeile, alles ist
original. Danach setzen wir uns in eine Jurte, die vor 160 Jahren in
Kasachstan hergestellt wurde und genau so aussieht, wie die unserer
Vorfahren, und ich erzähle ihnen, wie die Ungarn zur Zeit der Landnahme
gelebt haben. Ich erzähle nur über Dinge, von denen man genau weiß, daß
sie so waren, und ich lasse mich dabei auf keine gedanklichen Spielereien
ein.
- Sie haben gesagt, daß sich sehr viele
Menschen auf der Welt mit der Bewahrung von Traditionen beschäftigen.
Konnten Sie von ihnen etwas lernen, oder mußten Sie sich alles selbst
erarbeiten?
Solange ich bei dieser Sache auf mich allein
gestellt war, dachte ich, daß sie nur eine Marotte sei, bis ich dann nach
Westeuropa kam, wo die Bewahrung militärischer Traditionen unglaublich
viele Anhänger hat: in Italien, Deutschland, Österreich, England, aber
auch in Japan und in den Vereinigten Staaten. Es entstanden auch immer
mehr Kontakte. 1990 war eine japanische Gruppe bei mir. Als sie ihre Vorführungen
präsentierten, merkte ich, daß diese jungen Leute, die völlig
zeitgetreue Trachten anhatten, mit einer unglaublichen Disziplin und
Begeisterung ihre Übungen vortrugen. Mit diesen Übungen stellten sie
eine zeitgenössische Kampftechnik vor: das Kiudo-Bogenschießen. Ich
hingegen saß damals noch in einem Westernsattel auf einem englischen
Vollblut, in Jeans und T-Shirt und versuchte so, das ungarische Bogenschießen
zu Pferde vorzustellen. Da erkannte ich, daß man das so nicht machen
kann, daß man dazu viel mehr aus der Geschichte einfließen lassen muß.
Ich ging also nach Japan, um mich dort inspirieren zu lassen. Die Leute
dort haben ja schon im XX. Jahrhundert das XXI. Jahrhundert dargestellt,
und diese sehr hoch stehende technische Zivilisation besteht gemeinsam mit
den uralten Traditionen. Ich war daran interessiert, in wieweit man die
von mir empfundenen Sehnsüchte und Bestrebungen, ich denke da an die
Pflege der Vergangenheit und der Traditionen, in die moderne Welt
einbetten kann. Das war die Kardinalfrage meines Lebens. In Japan und später
auch in China konnte ich mich davon überzeugen, daß diese scheinbar
widersprüchlichen Dinge nicht nur miteinander in Einklang gebracht werden
können, sondern daß es sogar sehr wichtig ist, die Traditionen in das
moderne Leben zu integrieren. Nach zehn bis fünfzehn Jahre langer
angespannter Arbeit gelang es in Ungarn, ein Niveau der
Traditionsbewahrung zu erreichen, das andernorts in der Welt nie in Frage
gestellt wurde. Heute haben wir schon große Erfolge erzielt und ich denke
dabei nicht nur an das Bogenschießen zu Pferd, sondern auch an die
Vertreter von mittelalterlichen Kampftechniken, hier vor allem an den
Ritterorden des Heiligen Georg, dem wir sehr viel zu verdanken haben. Später
kamen auch die Husaren auf, deren Klubs sich explosionsartig verbreiteten.
Heute ist man schon in der Lage, bei einzelnen Vorführungen mehrere
hundert Husaren in vollkommen zeitgetreuer Montur und Waffen
aufmarschieren zu lassen, was nicht nur ein wunderschöner Anblick ist,
sondern auch jede einzelne Veranstaltung enorm aufwertet.
-
Wie konnten Sie in Amerika Anhänger für diesen Sportzweig gewinnen?
Ich hatte schon in sehr vielen westeuropäischen
Ländern Vorführungen dargeboten, als ich dann eines Tages nach Amerika
eingeladen wurde, um auch dort an einer Veranstaltung, bei der angelsächsische
Bögen benutzt wurden, eine Vorführung zu geben. Der Erfolg war so
durchschlagend, daß ich sogleich zu einer Reihe von Vorführungen
eingeladen wurde; und auch Schüler hatte ich sofort. Es ist interessant,
daß die innerasiatischen Gesellschaften und alles, was mit ihnen
zusammenhängt, vom Westen sehr schlecht beurteilt werden. Dies hat seine
Wurzeln in der Unkenntnis. Ein weiterer Grund dafür ist, daß Leute über
die Hunnen geschrieben haben, welche noch nie einen Hunnen gesehen hatten,
jedoch versuchten, ein umso schlechteres Bild von ihnen zu zeichnen. Aber
in Amerika hatte ich riesigen Erfolg. An den Amerikanern gefällt mir, daß
sie nicht neidisch sind und das Können schätzen. Bei jener Vorführung
hatte ich ein wenig die Rolle eines Straßenmusikanten, der es
ausgesprochen schwer hat, wenn er die Aufmerksamkeit auf sich ziehen will.
Das Publikum bestand aus Leuten, die Pferde besaßen, seit ihrer Kindheit
mit den Tieren zusammenlebten und mit ihnen gut umgehen konnten. Solch ein
Publikum konnte man nicht täuschen. Jetzt im Winter reise ich nach
Kalifornien, um dort ein Trainingslager abzuhalten, von dort geht´s dann
aufgrund des großen Interesses nach Kanada.
- Wie gut stehen die Chancen für die
Verbreitung dieses Sportzweiges?
Ausgehend vom internationalen Vergleich folgt
auf Ungarn gleich Amerika, da die Leute dort gute Ansichten haben, gute
Pferde besitzen und genug Raum zur Verfügung steht. In Europa ist man in
dieser Beziehung sehr zurückgeblieben, ich weiß gar nicht, wann man das
wird aufholen können: Die Ansichten sind vollkommen falsch, die Pferde
sind schlecht und es gibt auch nicht genügend Raum.
- Wie könnte man den Unterschied in der
Denkweise beschreiben?
Ich habe sehr viele westeuropäische Schüler,
die aus Deutschland, Italien und England mit fast monatlicher Regelmäßigkeit
hierher kommen, und ich weiß von ihnen, welche enormen Schwierigkeiten es
ihnen bereitet, aus der verschlossenen Denkweise auszubrechen, die für
die dortigen Reiter charakteristisch ist. Die Unterschiede im Stil sind
enorm: In dieser Sportart ist das Pferd ein gleichwertiger Partner.
Allein, daß man bei diesem Sport das Reiten ohne Sattel erlernen muß,
bereitet schon Schwierigkeiten. Wenn die Leute dann in eine Reitschule
gehen und bitten, ihnen das Reiten ohne Sattel beizubringen, werden sie
verständnislos angesehen. Außerdem muß das Pferd mit einem Nervenkostüm
ausgestattet sein, das es erlaubt, den Gebrauch jedweder Waffe auf seinem
Rücken zu dulden. Dazu sind sehr ruhige, ausgeglichene Tiere notwendig.
Am besten sind die ungarischen Pferde und die hiesige Mentalität. Die
Leute laufen immer gegen eine Wand, weil die Denkweise in Westeuropa eine
sehr schlechte ist. Nicht so in Amerika, vor allem in den weiten Ebenen,
zum Beispiel in Iowa, wo die Basis des dortigen Bogenschießens zu Pferde
entstand. Als die Cowboys vom Rücken der Pferde die Lassos warfen,
hielten sie genau so wenig die Zügel, wie wir während des Bogenschießens.
Ihre Reittraditionen ähneln also stark den unsrigen. Daher sind auch ihre
Pferde nach einer kurzen Umgewöhnung sehr für das Bogenschießen
geeignet. Die rasanteste Entwicklung ging aber in der Südslowakei vor
sich, wo heute schon ernstzunehmende Wettbewerbe veranstaltet werden, und
woher auch die besten Bogenschützen kommen.
- Wie viele beschäftigen sich heute mit
diesem Sportzweig weltweit?
Sich hier festzulegen wäre eine sehr
schwierige Sache. An den Wettbewerben nahmen bis jetzt 250 Leute teil,
aber gewiß gibt es Unzählige, die ein Wettbewerbsniveau noch nicht
erreicht haben. Es ist auch deswegen schwer auf diese Frage zu antworten,
weil sehr viele meiner Schüler selbst in ihrer Heimat zu unterrichten
begonnen haben. Zum Beispiel waren jetzt im Frühling Sioux-Indianer bei
mir, um zu lernen. Ursprünglich wurden sie von den Alten in mein
amerikanisches Trainingslager geschickt, die der Meinung waren, daß ihre
Kultur endgültig verschwinden wird, wenn die Jungen die Reittraditionen
ihrer Ahnen nicht lernen. Aber auch Amerika ist noch weit von dem Niveau
entfernt, das es hier in Ungarn gibt, weshalb es das einzig Wahre ist,
hierher zu kommen und hier zu lernen. Deswegen habe ich sie hierher zu
einem wirklich ernstzunehmenden Trainingslager geladen, wo sie sehr viel
lernten und jetzt auch die anderen Indianer unterrichten. Wenn sich der
Sport in einem solchen Tempo entwickelt, sind die Chancen sehr gut, daß
er in absehbarer Zeit olympisch wird. Auf jeden Fall wird das ein großer
Durchbruch, denn jene Leute, die aus Westeuropa hierher kommen, wollen
nicht nur den Sport kennen lernen, sondern auch die Kultur. Sie lernen
Ungarisch und vertiefen sich mit unglaublichem Elan in die Fachliteratur.
Sie wissen alles von der ungarischen Landnahme, von der Geschichte und
Lebensweise der Ungarn im IX.-X. Jahrhundert und stellen mir heute schon
Fragen, bei deren präziser Beantwortung ich mich wirklich zusammenreißen
muß.
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